UMWELT

Nitrat­kla­ge: Bund muss natio­na­les Akti­ons­pro­gramm neu erstellen

By 10. Dezember 2025No Comments

Man­dan­ten­in­for­ma­ti­on 16/2025

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat am 08.10.2025 letzt­in­stanz­lich über eine Kla­ge der Deut­schen Umwelt­hil­fe (DUH) ent­schie­den, mit der weit­rei­chen­de Ände­run­gen des natio­na­len Akti­ons­pro­gramms nach der Nitra­t­richt­li­nie gefor­dert wur­den. Das lang­jäh­ri­ge Ver­fah­ren ende­te mit einem über­ra­schen­den Ergeb­nis – näm­lich der Ver­pflich­tung der beklag­ten Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, ein sol­ches Akti­ons­pro­gramm erst­ma­lig auf­zu­stel­len. Zu der von der DUH ursprüng­lich ange­streb­ten Über­prü­fung, inwie­weit die bis­he­ri­gen Rege­lun­gen der Dün­ge­ver­ord­nung den uni­ons­recht­li­chen Anfor­de­run­gen genü­gen, kam es nicht. Jetzt lie­gen die schrift­li­chen Urteils­grün­de vor.

Seit ziem­lich genau 34 Jah­ren ver­pflich­tet die noch von der Euro­päi­schen Wirt­schafts­ge­mein­schaft erlas­se­ne Nitra­t­richt­li­nie 91/676/EWG die Mit­glied­staa­ten dazu, Gewäs­ser vor Ver­un­rei­ni­gun­gen durch Nitrat aus land­wirt­schaft­li­chen Quel­len zu schüt­zen. Hier­zu müs­sen die Mit­glied­staa­ten natio­na­le Akti­ons­pro­gram­me auf­stel­len, regel­mä­ßig über­prü­fen und an neue Ent­wick­lun­gen anpas­sen, in denen ver­bind­li­che Maß­nah­men zur Redu­zie­rung der Gewäs­ser­be­las­tung und Ver­mei­dung von wei­te­ren Nitrat­ein­trä­gen vor­ge­schrie­ben wer­den. In Deutsch­land erfolg­te dies bis­her in der Wei­se, dass die ent­spre­chen­den Anfor­de­run­gen unmit­tel­bar in zwei Rechts­ver­ord­nun­gen gere­gelt wur­den, näm­lich zum einen in der Dün­ge­ver­ord­nung, soweit es unmit­tel­bar um die Ver­wen­dung von Dün­ge­mit­teln in der Land­wirt­schaft geht, und zum ande­ren in der Ver­ord­nung über Anla­gen zum Umgang mit was­ser­ge­fähr­den­den Stof­fen, soweit es um anla­gen­be­zo­ge­ne Rege­lun­gen geht. Weder die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on noch der Euro­päi­sche Gerichts­hof, der sich bereits im Jahr 2018 mit der Umset­zung der Nitra­t­richt­li­nie durch Deutsch­land befas­sen muss­te, haben die­se Pra­xis beanstandet.

Aller­dings lei­te­te die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on 2016 ein Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren ein, weil sie die in Deutsch­land gel­ten­den Rege­lun­gen für inhalt­lich unzu­läng­lich erach­te­te. Dar­auf­hin wur­de die Dün­ge­ver­ord­nung 2017 umfas­send novel­liert. Aus Sicht der DUH waren jedoch auch die in der Novel­le 2017 – und spä­ter in der wei­te­ren Novel­le im Jahr 2020 – vor­ge­se­he­nen Ver­schär­fun­gen des Dün­ge­rechts nicht aus­rei­chend, um den Ziel­set­zun­gen der Nitra­t­richt­li­nie zu genü­gen. Daher erhob die DUH im Jahr 2017 Kla­ge vor den deut­schen Ver­wal­tungs­ge­rich­ten und for­der­te die Ver­ur­tei­lung der durch das Bun­des­land­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um ver­tre­te­nen Bun­des­re­pu­blik zu wei­ter­ge­hen­den Restrik­tio­nen für den Ein­satz von Düngemitteln.

Erst­in­stanz­lich wur­de die­se Kla­ge vom Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Müns­ter abge­wie­sen. Zur Begrün­dung führ­te das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt aus, das gesam­te Vor­brin­gen der DUH sei nach § 7 Abs. 3 Umwelt-Rechts­be­helfs­ge­setz (UmwRG) prä­klu­diert, weil die DUH in den Ver­fah­ren, die den Novel­len der Dün­ge­ver­ord­nung vor­aus­ge­gan­gen waren, nicht hin­rei­chend detail­liert vor­ge­tra­gen habe. Dass die Öffent­lich­keits­be­tei­li­gung im Rah­men der Novel­le 2017 noch vor Inkraft­tre­ten der Prä­k­lu­si­ons­norm statt­ge­fun­den hat­te, stand dem nach Auf­fas­sung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts nicht ent­ge­gen, da die Rege­lung auch rück­wir­kend anwend­bar sei.

Ent­schei­dung des Bundesverwaltungsgerichts

Hier­ge­gen rich­te­te sich die von der DUH ein­ge­leg­te Revi­si­on, über die jetzt das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt zu ent­schei­den hat­te. Zu der der erst­in­stanz­li­chen Ent­schei­dung zugrun­de­lie­gen­den Argu­men­ta­ti­on nimmt das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in den nun­mehr vor­lie­gen­den Urteils­grün­den eher bei­läu­fig Stel­lung. Bean­stan­det wird in die­sem Zusam­men­hang ledig­lich die kon­kre­te Anwen­dung der Prä­k­lu­si­ons­norm durch das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Müns­ter, weil eine voll­stän­di­ge Prä­k­lu­si­on nur in Betracht kom­me, wenn ein Ver­gleich der im gericht­li­chen Ver­fah­ren vor­ge­tra­ge­nen Ein­wen­dun­gen mit den im Ver­wal­tungs­ver­fah­ren vor­ge­tra­ge­nen erge­be, dass sämt­li­che im gericht­li­chen Ver­fah­ren vor­ge­brach­ten Ein­wen­dun­gen nicht recht­zei­tig gel­tend gemacht wur­den, obwohl dies mög­lich gewe­sen wäre. Auf die vor­ge­la­ger­te Fra­ge der rück­wir­ken­den Anwend­bar­keit von § 7 Abs. 3 UmwRG gehen die Ent­schei­dungs­grün­de dem­ge­gen­über über­haupt nicht ein; in der münd­li­chen Ver­hand­lung hat­te das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt aller­dings erken­nen las­sen, dass es der Vor­in­stanz in die­sem Punkt fol­gen wür­de. 

Tra­gend wird das jetzt ergan­ge­ne Urteil aller­dings auf einen Gesichts­punkt gestützt, der weder in der Ent­schei­dung der Vor­in­stanz noch in dem Vor­brin­gen der Par­tei­en eine Rol­le gespielt hat­te – näm­lich die Fra­ge, ob ein natio­na­les Akti­ons­pro­gramm gegen­wär­tig über­haupt exis­tiert. Dabei stellt das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt nicht auf die Nitra­t­richt­li­nie ab, in der die Ver­pflich­tung zur Auf­stel­lung eines sol­chen Akti­ons­pro­gramms wur­zelt, son­dern auf § 3a des deut­schen Dün­ge­ge­set­zes (DüngG), der nach Auf­fas­sung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts unab­hän­gig von den uni­ons­recht­li­chen Anfor­de­run­gen an das natio­na­le Akti­ons­pro­gramm und des­sen Rechts­ver­bind­lich­keit gilt. Die­se Vor­schrift, die erst kurz vor dem Erlass der Novel­le der Dün­ge­ver­ord­nung 2017 in Kraft getre­ten ist, ver­pflich­tet das Bun­des­land­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um, den dün­ge­be­zo­ge­nen Teil eines natio­na­len Akti­ons­pro­gramms und des­sen Ände­run­gen erar­bei­ten. Die hier­für vom Bun­des­land­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um erar­bei­te­ten Ent­wür­fe unter­lie­gen der Pflicht zur Durch­füh­rung einer Stra­te­gi­schen Umwelt­prü­fung. In einem wei­te­ren Schritt ist natio­na­le Akti­ons­pro­gramm in die Bera­tun­gen zur Erstel­lung des Ent­wurfs für die Dün­ge­ver­ord­nung ein­zu­be­zie­hen. Die der bis­he­ri­gen deut­schen Pra­xis der Umset­zung der Nitra­t­richt­li­nie zugrun­de­lie­gen­de Annah­me einer teil­wei­sen Iden­ti­tät des natio­na­len Akti­ons­pro­gramms mit der Dün­ge­ver­ord­nung hält das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt auf­grund des ein­deu­ti­gen Wort­lauts von § 3a DüngG für aus­ge­schlos­sen. Viel­mehr bil­de das Akti­ons­pro­gramm eine ers­te Stu­fe pla­ne­ri­schen Han­delns, auf der die Norm­set­zung und etwa­ige ande­re kon­kre­te Maß­nah­men sowohl ver­fah­rens­mä­ßig als auch inhalt­lich auf einer zwei­ten Stu­fe auf­set­zen müss­ten. 

Da es bis­her kein natio­na­les Akti­ons­pro­gramm gibt, das im Sin­ne der von § 3a DüngG gefor­der­ten Zwei­stu­fig­keit der Dün­ge­ver­ord­nung als eigen­stän­di­ger Akt vor­ge­schal­tet ist, hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt die Bun­des­re­pu­blik nach Umstel­lung des Kla­ge­an­trags durch die DUH ver­ur­teilt, ein sol­ches Pro­gramm zu erstel­len. Die mit der ursprüng­li­chen Kla­ge von der DUH ange­streb­te inhalt­li­che Prü­fung der gel­ten­den Dün­ge­re­ge­lun­gen ist damit auch in zwei­ter Instanz nicht erfolgt. Zwar muss die Erstel­lung des natio­na­len Akti­ons­pro­gramms unter Beach­tung der sich aus den Ent­schei­dungs­grün­den erge­ben­den Rechts­auf­fas­sung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts erfol­gen. Die Maß­ga­ben, die sich aus dem Urteil inso­weit erge­ben, erschöp­fen sich jedoch in einer Wie­der­ho­lung der all­ge­mei­nen Vor­ga­ben aus der Nitra­t­richt­li­nie und der dazu ergan­ge­nen Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs. Die von der DUH mit der Kla­ge auf­ge­wor­fe­ne Fra­ge, ob und inwie­weit die Rege­lun­gen der gel­ten­den Dün­ge­ver­ord­nung die­sen Vor­ga­ben nicht voll­stän­dig ent­spre­chen, ist in dem nun­mehr rechts­kräf­tig abge­schlos­se­nen Ver­fah­ren kei­ner Klä­rung zuge­führt worden.

Aus­blick

Für Land­wir­te hat die jetzt vor­lie­gen­de Ent­schei­dung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts kei­ne unmit­tel­ba­ren Aus­wir­kun­gen, denn das Feh­len eines eigen­stän­di­gen natio­na­len Akti­ons­pro­gramms lässt die Dün­ge­ver­ord­nung als sol­che unbe­rührt. Die Ent­schei­dung betrifft zudem nur den dün­ge­be­zo­ge­nen Teil des natio­na­len Akti­ons­pro­gramms. Aller­dings ent­spricht die für den anla­gen­be­zo­ge­nen Teil maß­geb­li­che Rege­lung in § 62a Was­ser­haus­halts­ge­setz weit­ge­hend dem § 3a DüngG. Die Erwä­gun­gen des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts zur Not­wen­dig­keit eines zwei­stu­fi­gen Vor­ge­hens dürf­ten sich daher auf den anla­gen­be­zo­ge­nen Teil über­tra­gen lassen.

Abzu­war­ten bleibt, wie die zustän­di­gen Stel­len des Bun­des der nun­mehr vor­lie­gen­den Ent­schei­dung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts nach­kom­men. Neben der vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt gefor­der­ten Erstel­lung eines eigen­stän­di­gen natio­na­len Akti­ons­pro­gramms erscheint auch eine Ände­rung der zugrun­de lie­gen­den gesetz­li­chen Rege­lun­gen in § 3a DüngG und § 62a WHG dahin­ge­hend denk­bar, dass die­se die bis­he­ri­ge Pra­xis der Ein­stu­fig­keit von Akti­ons­pro­gramm und Ver­ord­nung abbilden.

Das Bun­des­land­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um wur­de in dem Ver­fah­ren von unse­ren Rechts­an­wäl­ten Dr. Ortrud Kracht, Dr. Anno Oex­le und Tho­mas Lam­mers vertreten.

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