UMWELT

Zivil­recht­li­che Haf­tung bei PFAS-Kontaminationen

By 3. Juli 2026No Comments

Fra­gen der zivil­recht­li­chen Haf­tung bei Boden- und Grund­was­ser­kon­ta­mi­na­tio­nen – ins­be­son­de­re im Zusam­men­hang mit PFAS – beschäf­ti­gen zuneh­mend auch die Gerich­te. Zuletzt hat­te etwa das Land­ge­richt Baden-Baden (Az. 1 O 47/19) über die Kla­ge eines loka­len Was­ser­ver­sor­gers gegen ein Ent­sor­gungs­un­ter­neh­men wegen Schä­den zu ent­schei­den, die dem kla­gen­den Was­ser­ver­sor­ger dadurch ent­stan­den sind, dass PFAS aus von dem beklag­ten Ent­sor­gungs­un­ter­neh­men her­ge­stell­ten und auf land­wirt­schaft­li­chen Flä­chen auf­ge­brach­ten Papier­ab­fall-Kom­post­ge­mi­schen in das Grund­was­ser gelang­ten und zu Beein­träch­ti­gun­gen der Trink­was­ser­ge­win­nung des kla­gen­den Was­ser­ver­sor­gers geführt haben. Das Land­ge­richt hat mit Urteil vom 13.04.2026 die Kla­ge auf Scha­dens­er­satz dem Grun­de nach für gerecht­fer­tigt erklärt. Es hat fer­ner fest­ge­stellt, dass das beklag­te Ent­sor­gungs­un­ter­neh­men dem kla­gen­den Was­ser­ver­sor­ger auch zum Ersatz etwa­iger wei­te­rer Schä­den aus die­sem Sach­ver­halt ver­pflich­tet ist. Über die Höhe des Scha­dens­er­sat­zes wird in einem beson­de­ren Betrags­ver­fah­ren ent­schie­den werden.

Sach­ver­halt

Das beklag­te Ent­sor­gungs­un­ter­neh­men hat­te in den Jah­ren 2006 bis 2008 Abfäl­le aus der Papier­in­dus­trie in Form von Papier­fa­ser­rest­stof­fen ange­nom­men, mit Kom­post ver­mischt und in Abstim­mung mit den jewei­li­gen Land­wir­ten auf land­wirt­schaft­lich genutz­ten Flä­chen im Raum Ras­tatt und Baden-Baden auf­ge­bracht. Hier­für hat­te es von den Papier­un­ter­neh­men rund 1,5 Mio. Euro erhal­ten. Der kla­gen­de Was­ser­ver­sor­ger stell­te im Rah­men von Unter­su­chun­gen des in zwei sei­ner Brun­nen geför­der­ten Grund­was­sers erhöh­te PFAS-Wer­te fest. Die betrof­fe­nen Brun­nen konn­ten des­halb nicht mehr bzw. erst nach Instal­la­ti­on einer Auf­be­rei­tungs­an­la­ge zur Trink­was­ser­ver­sor­gung genutzt werden.

Der Was­ser­ver­sor­ger mach­te im Rah­men der Kla­ge gel­tend, dass die Grund­was­ser­ver­un­rei­ni­gun­gen mit PFAS durch die Auf­brin­gung des Papier­ab­fall-Kom­post­ge­mischs durch das Ent­sor­gungs­un­ter­neh­men auf land­wirt­schaft­li­che Flä­chen ver­ur­sacht wor­den sei­en. Die Papier­ab­fäl­le aus Alt­pa­pier ver­ar­bei­ten­den Fabri­ken sei­en mit Vor­läu­fer­sub­stan­zen von PFAS belas­tet gewe­sen, die im Boden in PFAS umge­baut wor­den sei­en. Er begehr­te die Erstat­tung der durch die Grund­was­ser­be­las­tung ent­stan­de­nen Schä­den über 6,4 Mio. Euro sowie die Fest­stel­lung der Haf­tung des Ent­sor­gungs­un­ter­neh­mens für wei­te­re zu erwar­ten­de Schä­den aus die­sem Sachverhalt.

Das beklag­te Ent­sor­gungs­un­ter­neh­men bestritt eine Belas­tung der über­wie­gen­den Men­gen von Papier­ab­fäl­len mit Vor­läu­fer­sub­stan­zen von PFAS und eine Ver­ant­wort­lich­keit für die Ver­un­rei­ni­gung des Grund­was­sers. Es berief sich dar­auf, dass als Ursa­che für die Ver­un­rei­ni­gung unter ande­rem die jahr­zehn­te­lan­ge Auf­brin­gung von Klär­schlamm in Betracht komme.

Ent­schei­dung

Das Gericht gelang­te nach Beweis­auf­nah­me zu der Über­zeu­gung, dass die Ver­un­rei­ni­gun­gen des Grund­was­sers in den Brun­nen des Was­ser­ver­sor­gers durch das mit Vor­läu­fer­sub­stan­zen von PFAS ver­un­rei­nig­te Papier­ab­fall-Kom­post­ge­misch ver­ur­sacht wor­den sei­en, das das Ent­sor­gungs­un­ter­neh­men auf land­wirt­schaft­li­che Flä­chen im Anstrom­ge­biet der Trink­was­ser­brun­nen auf­ge­bracht habe. Die Vor­läu­fer­sub­stan­zen sei­en im Boden in PFAS umge­wan­delt wor­den und durch Ver­si­cke­rung in das Grund­was­ser gelangt. Hier­durch sei­en dem kla­gen­den Was­ser­ver­sor­ger Schä­den ent­stan­den, für die das Ent­sor­gungs­un­ter­neh­men dem Grun­de nach hafte.

Hier­für sprach nach Auf­fas­sung des Gerichts ins­be­son­de­re, dass die im Grund­was­ser fest­ge­stell­te Stoff­zu­sam­men­set­zung den Abbau­pro­duk­ten von Vor­läu­fer­sub­stan­zen von PFAS ent­spro­chen habe, die in der Papier­in­dus­trie ein­ge­setzt wür­den. Zudem sei­en Flä­chen, auf denen das Ent­sor­gungs­un­ter­neh­men das Gemisch auf­ge­bracht habe, bei Unter­su­chun­gen in den Jah­ren 2014 bis 2022 regel­mä­ßig belas­tet gewe­sen, wäh­rend ande­re Flä­chen, auf denen das beklag­te Ent­sor­gungs­un­ter­neh­men nichts auf­ge­bracht habe, nicht oder nur gering belas­tet gewe­sen sei­en. Die Ana­ly­se einer im Jahr 2004 genom­me­nen Pro­be von auf­ge­schla­ge­nem Boden des Ent­sor­gungs­un­ter­neh­mens habe zudem gezeigt, dass es in sei­nem Betrieb Vor­läu­fer­sub­stan­zen von PFAS ent­hal­ten­des Mate­ri­al ver­wen­det habe.

Das beklag­te Ent­sor­gungs­un­ter­neh­men bestritt zwar, dass in den auf­ge­brach­ten Papier­ab­fall-Kom­post­ge­mi­schen Vor­läu­fer­sub­stan­zen von PFAS ent­hal­ten gewe­sen sei­en. Da es trotz mehr­fa­cher Hin­wei­se aber nach Auf­fas­sung des Gerichts nicht aus­rei­chend zu Her­kunft, Men­ge und Beschaf­fen­heit der Papier­fa­sern vor­ge­tra­gen habe, sah das Gericht die Behaup­tun­gen des Was­ser­ver­sor­gers zu den auf den Fel­dern auf­ge­brach­ten Men­gen von Papier­ab­fäl­len und ihrer Her­kunft vom Gericht als zuge­stan­den an.

Da dem Vor­stand und der Pro­ku­ris­tin bekannt gewe­sen sei, dass das Ver­brin­gen der Mate­ria­li­en auf die land­wirt­schaft­li­chen Fel­der dün­ge­mit­tel­recht­lich nicht zuläs­sig gewe­sen sei, hät­ten sie min­des­tens fahr­läs­sig gehan­delt. Das Gericht nahm des­halb eine delikt­i­sche Haf­tung nach § 823 Abs. 1 BGB an.

Fer­ner nahm das Gericht auch eine ver­schul­dens­un­ab­hän­gi­ge Haf­tung des Ent­sor­gungs­un­ter­neh­mens nach § 89 Abs. 2 des Was­ser­haus­halts­ge­set­zes an. Der kla­gen­de Was­ser­ver­sor­ger kön­ne sich für die Ver­ur­sa­chung der Grund­was­ser­ver­un­rei­ni­gung durch das beklag­te Ent­sor­gungs­un­ter­neh­men auf eine Ver­mu­tungs­re­gel aus dem Umwelt­haf­tungs­ge­setz (§§ 6, 7 Umwelt­HG) beru­fen, die hier ent­spre­chend anwend­bar sei. Für die Ver­mu­tung sei zwar Vor­aus­set­zung, dass die Hand­lung zumin­dest geeig­net sein muss, den ent­stan­de­nen Scha­den zu ver­ur­sa­chen. Dies sei nach dem Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten aber der Fall. Ande­re Umstän­de, wie das Ablas­sen von Flug­ben­zin oder das Aus­brin­gen von kom­mu­na­lem Klär­schlamm sei­en nicht geeig­net, die Belas­tung herbeizuführen.

Gegen das Urteil wur­de Beru­fung ein­ge­legt, die beim Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he anhän­gig ist (Az. 8 U 44/26).

Wei­te­rer Hintergrund

Schon im Jahr 2024 war die Kla­ge einer Gemein­de auf­grund eines gleich­ge­la­ger­ten Sach­ver­halts dem Grun­de nach in ers­ter Instanz weit­ge­hend erfolg­reich (LG Baden-Baden, Urteil vom 25. Juli 2024, Az. 3 O 319/17); auch die­ses Ver­fah­ren befin­det sich der­zeit in Beru­fung beim Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he (Az. 17 U 126/24). Im Zusam­men­hang mit dem Kom­plex der PFAS-Belas­tun­gen im Land­kreis Ras­tatt gibt es zudem Ent­schei­dun­gen der Ver­wal­tungs­ge­rich­te (VG Karls­ru­he, Urteil v. 24.10.2017, Az. 6 K 791/16; VGH Baden-Würt­tem­berg, Beschluss v. 20.07.2021, Az. 10 S 1585/21). Auch der Bun­des­ge­richts­hof hat sich schon mit Boden­kon­ta­mi­na­tio­nen land­wirt­schaft­li­cher Flä­chen durch PFT (eine frü­her ver­wen­de­te Bezeich­nung für bestimm­te PFAS) befasst (BGH, Urteil vom 21. 5. 2010, Az. V ZR 244/09). Wei­te­re Ent­schei­dun­gen und lau­fen­de Ver­fah­ren gibt es im Zusam­men­hang mit Grund­was­ser- oder Boden­ver­un­rei­ni­gun­gen durch PFAS oder PFOS (eine ande­re Grup­pe von Ewig­keits­che­mi­ka­li­en) ent­hal­ten­den Lösch­schaum (u.a. BGH, Urteil v. 14.062.2018, Az. III ZR 54/17; LG Aachen, Urteil v. 05.07.2022, Az. 12 O 188/21; LG Ans­bach, Urteil v. 04.08.2021, Az. 2 O 1134/20).

Bedeu­tung für die Praxis

Boden- und Grund­was­ser­kon­ta­mi­na­tio­nen kön­nen zivil­recht­li­che, öffent­lich-recht­li­che und straf­recht­li­che Haf­tungs­fol­gen aus­lö­sen. Ins­be­son­de­re Haf­tungs­ri­si­ken im Zusam­men­hang mit sog. Ewig­keits­che­mi­ka­li­en wie PFAS wer­den zuneh­mend pra­xis­re­le­vant. Die ent­spre­chen­den Sach­ver­hal­te sind sowohl tech­nisch als auch recht­lich kom­plex. Zudem erge­ben sich Her­aus­for­de­run­gen aus dem Umstand, dass eine Belas­tung in der Regel erst vie­le Jah­re nach dem scha­dens­be­grün­den­den Ereig­nis fest­ge­stellt wird. Aus zivil­recht­li­cher und zivil­pro­zes­sua­ler Sicht sind dabei Kau­sa­li­täts­fra­gen und dies­be­züg­li­che Ver­mu­tungs­re­geln, Beson­der­hei­ten der Dar­le­gungs- und Beweis­last sowie die Auf­ar­bei­tung der Sach­ver­hal­te und ihre Auf­be­rei­tung für das Gericht sowie der Umgang mit umfang­rei­chen Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten von beson­de­rer Bedeutung.

okl & partner
Rechts­an­wäl­te PartG mbB

Büro Köln
Von-Werth-Stra­ße 2 | 50670 Köln
T: +49 (0) 221 | 42 07 –0

Büro Ber­lin
Jäger­stra­ße 54 – 55 | 10117 Berlin
T: +49 (0) 30 | 25 77 112 – 0